Sommerschwesters Welt

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Mein Opa

Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich diese "Geschichte" hier posten soll. Als es noch "schlimmer aussah" wäre mir das eh nicht möglich gewesen. Ich hätte es schlicht und ergreifend nicht übers Herz gebracht darüber zu schreiben. Etwas aufschreiben, macht eine Sache noch viel "wirklicher", viel realer. Davor hatte ich einfach Angst.
Na ja und jetzt ist es einfach komisch alles niederzuschreiben, in der Gewissheit, dass es alles gar nicht mehr so schlimm ist, wie es zu Anfang aussah.
Aber nun der Reihe nach - schließlich will ich ja verstanden werden.

Anfang September 2007 fiel mir bei meinem Opa ein ständiger Reizhusten auf. Man muss dazu sagen, mein Opa ist wirklich ein "Hemdchen". Sein Arzt (wir lassen ihn regelmäßig checken, dass sieht dann so aus, dass ich einen Termin ausmache und ihn einfach "hinschleppe") sagt, dass er für sein Alter gut in Schuss sei (also Blutwerte, Lungenwerte etc.), Opa aber viel zu dünn sei (obwohl man dafür nicht wirklich zum Arzt muss, dass ist sehr offensichtlich). Opa hat im Krieg seinen Unterkiefer verloren durch eine Granate. Früher gabe es einfach die medizinischen Möglichkeiten nicht das zu korrigieren und später hatte mein Opa einfach zu große Angst, dass er eine OP nicht überleben würde. Man sieht es Äußerlich auch nicht wirklich, nur das eine Kinnseite etwas mehr hängt... Auf jeden Fall hat mein Opa im unteren Kieferteil keine Prothese (sie würde ja nicht halten), was dazu führt, dass er wirklich Schwierigkeiten hat beim/mit dem Essen. Und es wurde mit den Jahren schlimmer. Am Ende gab es fast nur noch Suppe und gaaaaaaaaaaanz fein gekochtes Essen. Vor etwa einem Jahr konnte ich ihn überzeugen (das war eine Arbeit, ich habe Wochen gebraucht ihm das beizubringen), dass püriertes Essen (auf Rädern, da alle berufstätig sind) doch etwas für ihn sein könnte (vorher hat er sich strikt geweigert, dieser Sturrkopf). Ihm schmeckts (was uns wirklich freut und dazu geführt hat, dass Opa das Essen nicht gleich wieder abbestellt hat), aber so richtig klappt es nicht mit dem Zunehmen (wenigstens nimmt er nicht weiter ab).
Zurück zum Reizhusten: Ich habe - warum auch immer - als Hobbymedizinerin auf eine verschleppte Bronchitis getippt und einen Termin beim Arzt ausgemacht. Ich wollte einfach wissen was los ist und das ständige Husten war für ihn wirklich eine Qual.
Unser Hausarzt (ein toller Arzt) hat sehr schnell gesagt, dass es etwas anderes ist und uns zum HNO geschickt und auch noch selbst (also unser Hausarzt hat angerufen) einen Termin bei seinem Kollegen gemacht (da hätte ich zumindest ahnen können, dass es etwas schlimmeres als Bronchitis ist).
Termin beim HNO: "Da ist was im Hals ihres Großvaters!"
Termin zum Abstrich und MRT.
Diagnose: Tumor im Hals, Größe etwa 10 x 5 x 2,5 cm groß
Mir ist das Herz wirklich in die Hose gerutscht und ich hätte heulen können. Wenn Opa nicht dabei gewesen wäre, hätte ich das auch bestimmt getan.
Also ab ins Krankenkhaus. Das war in der ersten Januarwoche 2008.
Wieder Entnahme von Gewebe unter Vollnarkose.
Diagnose bestätigt und Therapie besprochen.
Der Tumor ist operativ nicht zu entfernen. Zu groß, eventuell verwachsen etc. Teilentfernung geht auch nicht.
Am besten Bestrahlung und Chemo (zur Sicherheit) und am vorzugsweise stationär.
Da die HSK keine eigene Radiologie hat (ins andere KH wollte Opa nicht), sollte in der HSK nur noch die Magensonde gelegt werden (damit er ernährt werden kann sobald die Schleimhäute zu angegriffen sind und essen zur Qual würde). Beim ersten Mal gehts schief und entzündet sich. Armer Opa. Man konnte ihm anmerken, dass er am liebsten nach Hause wäre. Wir haben ihn zwar jeden Tag besucht, aber es ist eben trotzdem für ihn belastend gewesen.
Nach fast sechs Wochen in der HSK endlich die Entlassung. Viel passiert ist nicht, außer der ersten (verkorksten) und zweiten OP wegen der Magensonde und der Bestätigung der Diagnose.
Jetzt müssen wir uns in der Radiologie des anderen KH vorstellen (wovon mein Opa nicht erbaut war).
Wir haben richtig Bammel. Ich will das alles nicht. Ich will nicht, dass Opa so etwas durchmachen muss. Er ist jetzt 85 Jahre und hat schon genug gelitten in seinem Leben, im zweiten Weltkrieg. Ich will, dass er irgendwann einfach friedlich einschläft. Aber er soll nicht leiden müssen.

Der Arzt an den wir geraten ist prima. Er hat gleich einen guten Draht zu Opa, was schwierig ist - nicht nur weil Opa nicht so gut hört (trotz Hörgerät), sondern auch, weil er ein kleines bissel eigensinnig ist. Er (also der Arzt) hat sich alle Untersuchungsergebnisse, alle Blutbilder, alle MRTs gut angesehen und macht uns Hoffnung.
Er sagt, dass wir Opa nicht komplett heilen werden. Aber die Chancen sind gut, dass durch eine Therapie der Tumor so weit schrumpft, dass Opa irgendwann an Altersschwäche sterben wird bevor der Tumor wieder so groß ist. In dem Alter wachsen auch Tumorzellen sehr sehr langsam und der Arzt ist sich sicher, dass Opa noch ein paar Jahre vor sich hat.

Pure Erleichterung: Das hört sich alles schon viel besser an.
Der Arzt sagt auch, dass KEINE Metastasen gefunden worden sind und da der Tumor geschlossen ist (was auch immer das heißt) davon ausgegangen werden kann, dass da auch nichts mehr kommt. Opa bekommt also keine Chemo sondern lediglich Bestrahlungen. Und das ambulant und nicht stationär.
Sollte Opa das nicht gut vertragen, dann würde man über einen stationäre Aufnahme nachdenken.
Opa ist richtig begeistert von dem Arzt und froh, dass er doch in dieses KH musste.

Jetzt hat er fast die Hälfte der Bestrahlung rum, ab und an ist ihm schlecht. Wir wussten, dass das passieren könnte und er bekommt Tropfen dagegen. Allerdings hält die Übelkeit nicht lange an und sonst scheint er die Bestrahlung gut zu vertragen. Die Lippen und der Mund werden trockener und die Schleimhäute sind schon leicht gereizt. Er bekommt mittlerweile zwei Mal am Tag Nahrung über die Sonde und dann noch flüssige Nahrungsergänzung.
Ich kann nur sagen, dass ich froh bin, dass Opa finanziell gut abgesichert ist. Einen Teil der Kosten (für den Pflegedienst) muss er selbst tragen (trotz Pflegestufe). Wir machen das zwar am Wochenende und Abends, aber unter der Woche tagsüber müssen wir alle arbeiten. Das geht einfach nicht anders. Ich frage mich immer, was machen Menschen, die diese Unterstützung nicht haben...

Opa nimmt das Ganze gut auf und er wirkt sehr entspannt. Natürlich gibt es Tage an denen geht es ihm nicht ganz so gut... Verständlich wie ich finde. Aber seine Ruhe und Gelassenheit machen uns allen Mut.

Ich sage Opa manchmal (wenn er gut drauf ist), dass er sich anstrengen soll, weil ich von ihm erwarte, dass er bei meiner kirchlichen Hochzeit im Mai 2009 dabei ist...

Ja, dass wünsche ich mir wirklich von ganzem Herzen und das es Opa gut geht und er nicht leiden muss.

Liebe Grüße
von Sommerschwester, die vor nicht mal einem halben Jahr glaubte ihren Opa zu verlieren

PS: Ich hoffe, dass alles klingt nicht zu verwirrend. So richtig leicht ist es mir immer noch nicht gefallen das aufzuschreiben.

31.3.08 17:31

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


masca / Website (1.4.08 22:44)
Liebe Sommerschwester,
Du hast meine größte Hochachtung vor dem Mut, den Du durch das Aufschreiben der Geschichte Deines Opas bewiesen hast. Das glaube ich Dir gern, dass es Dir nicht leicht gefallen ist. Wie fühlst Du Dich jetzt dabei? Es ist eine Erleichterung, sich die Sorgen und Ängste von der Seele zu schreiben, nicht wahr? Du bist so tapfer, und ich finde es so toll, wie Du Deinem Opa beistehst, ihn unterstützt... Er wird ganz bestimmt an Eurer Hochzeit dabei sein, und nicht nur das, es wird feiern und stolz wie Oskar sein auf DICH. Alles Liebe, Masca


Nadine (2.4.08 09:34)
Liebe Masca,

zu Anfang hätte ich das nicht gekonnt - also das Aufschreiben.
Aber nun, da wir wieder zuversichtlicher in die Zukunft schauen war es gar nicht so schwer.
Aber das liegt mit Sicherheit auch daran, dass ich Menschen habe die mir zuhören und die die Situation verstehen. Das ist so wichtig.
Du weißt hoffentlich, dass ich damit auch Dich meine! Danke fürs zuhören und die aufbauenden Worte. Ich bin so froh, dass sich viel von dem was Du gesagt hast, bewahrheitet hat.
Danke nochmals!
Alles Liebe
Nadine

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